Mär 8 2011

Geo-aware eBooks

Ok, Liza Daly von ThreePress Consulting ist schon letztes Jahr mit einem geo-aware ebook-demo im ePub-Format rausgekommen. Im ePub selbst ist der Geo-Code als JavaScript enthalten, und er enthält die Schnittstelle zum geolocation feature des Browsers, das die Längen- und Breitengrade des Leserstandorts übermittelt.

Wenn man das so macht wie Liza Daly sich das vorstellt, fängt man irgendwo an zu lesen und erlaubt zu Beginn dem Browser, die Standortinformationen aufzunehmen. Um weiterlesen zu können, muss man sich bewegen – erst dann also erhält man mehr Text. Ein echtes technisches WUNDER! Nur: Was hat das mit Narration zu tun?

Erst mal gar nichts. Was bringt der Unfug? Also: Für mich ist der Clou daran, dass das Buch sich seines Lesers bewusst ist. Das erlaubt tatsächlich neue Formen der Interaktion zwischen Text und Leser. Stellen wir uns vor, dass ein Leser an einem bestimmten Ort, zum Beispiel in einem Märchenpark ist und an einem Punkt dort mit der Lektüre beginnt. Am Ende der Textpassage angelangt, erhält er eine Anweisung: Geh da und dort hin. An diesem neuen Punkt angelangt, erhält der Leser die Fortsetzung der Geschichte (und wenn er dort nicht hingeht, kann entweder nichts passieren oder er wird von seinem Browser angemault).

Das bindet zwar den Leser an einen bestimmten Ort, vervielfacht aber die Erlebnismöglichkeiten und -intensitäten. Du musst in Dornröschens Turm steigen und Dich dort hinlegen. Du musst, um ans Ziel zu gelangen, eine Schlucht durchqueren und unter einem Wasserfall durchlaufen. Du musst durch einen unterirdischen Tunnel gehen und siehst dabei gruselige Monster in Nischen stehen oder erblickst durch die Glasscheiben in der Decke Fische und See-Elefanten von unten. Du erhältst die nächste Anweisung nur, wenn Du durch das Schlüsselloch einer Tür schaust, auf der "Säbelzahntiger" steht. Und so fort. Also eindeutig was für die Erlebnisindustrie.

Oder man macht eine digitale Schnitzeljagd oder richtet schicke Stadtführer ein.

Wenn einem die Ortsgebundenheit solcher Erzählungen als zu enge Jacke erscheint, kann man die Leser mit Krimiplots auf Fährtensuche schicken. Es ist bestimmt möglich, einen Krimi in 20 verschiedenen Städten desselben Sprachraumes spielen zu lassen und die jeweiligen Geo-Codes als Varianten im eBook unterzubringen.

Wir fragen mal bei der AOK und der Barmer nach, ob sie die Entwicklung solcher stories als Bewegungsförderung finanziell unterstützen ...

2 comments

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Arjan
Mo, 11/14/2011 - 12:31

Vollkommen richtig, eine (wo auch immer) situierte Erzählung schafft noch lange keinen Erlebnismehrwert. Ich würde das wie folgt fassen: Wird der materielle Raum in einer location-based story auf seine Topologie reduziert (also die Distanz zwischen zwei Punkten), dann geht der Mehrwert einer solchen Einschränkung für den Leser (laufen, um zu lesen) gegen Null. Erst in der Auseinandersetzung mit dem, was uns umgibt, kann etwas entstehen, was sich vom Lesen auf der heimischen Couch unterscheidet. Ob das nun site-specific oder site-adaptable passiert, ist dabei vielleicht nicht so wichtig. In meinem eigenen Interessensfeld (location-based games) gibt es da leider nur wenige spannende Beispiele. Eins wäre vielleicht Hidden Park http://www.thehiddenpark.com/ oder China Heart http://www.chinaheart.org.au/.

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Jörg Lehmann
Mo, 11/14/2011 - 17:21

danke für den Kommentar und die links :-)

Zur Variante "laufen, um zu lesen" habe ich am vergangenen Samstag einen story-unabhängigen Vorschlag gemacht: "Erinnerungen sind unsichtbar".

Beste Grüße,

Jörg