Mai 20 2012

Reisen lesen

Wo war noch mal die Insel von Robinson Crusoe? In der Südsee? In der Karibik? Achso, hat er ja frei erfunden, der Daniel Defoe. Oder gibt es wirklich einen Ort, der mit Robinsons Insel korrespondiert?

Jetzt haben sich ein paar Wissenschaftler zusammengesetzt und GoogleMaps benutzt, um auf einer 'realen' Karte Orte aus der Literatur einzutragen. Das Projekt nennt sich "Mapping Writing", und bis heute sind nur Texte von rund 20 Autoren sowie vier genaue Analysen von Werken eingetragen; weiterer Ausbau folgt. Die acht Reisen des Robinson Crusoe sehen grafisch so aus:

The Journeys of Robinson Crusoe, shown on Google Maps

Wie wird das eigentlich sein, wenn die erfundenen Orte nicht mit realen korrelieren? Oder wenn in einem Text fingierte Orte neben realen vorkommen? Sind die fiktiven Orten Idealisierungen, Utopien, oder basieren sie auf selbsterlebten / selbstgesehenen Orten, die in der Vorstellungswelt der AutorInnen überformt wurden?

In jedem Anfang wohnt ein Zauber inne ... und wenn man erstmal mit solchen Sachen anfängt, kommt man rasch zu immer neuen Fragen. Und so wird das Erforschen imaginierter Textwelten zum Aufbruch in unbekannte Gebiete des Wissens ...

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Mai 12 2012

Das kanonische Wissen

"Wissen" gilt als "Macht", und der Erwerb von "Wissen" als Eintrittskarte in eine bessere Welt. 

So weit, so gut. Wenn wir jetzt noch wüssten, welches Wissen, dann wären wir alle mächtig. 

Eine amerikanische Hilfsorganisation meint zu wissen, welches Wissen man so brauchen kann, und verteilt es kostenlos in Afrika. Dreitausend Bücher auf einem eReader, und eine Menge Menschen hätten die Eintrittskarte in die bessere Welt gelöst.

Keine schlechte Idee, was? Wer mehr über diese Organisation erfahren will, kann hier klicken.

3.000 Bücher auf einem eReader, das hätte ich gerne auch als Student gehabt. Damals wusste noch keiner, dass das kanonische Wissen vollkommen zerstört werden würde, so dass niemand mehr Auskunft darüber geben kann, welche Bücher denn nun auf die Speicherkarte sollen. Aber die Idee ist klar: Jedem Erstsemester eines Studiengangs einen eReader mit den ganzen Basis-Texten überreichen, und viel Rennerei, Mühe und Orientierungslosigkeit bleibt erspart.

Zumindest wäre das ein mögliches Projekt: Wir tun uns als Schwarm zusammen, benutzen Liquid Feedback und bestimmen so, was für uns heute kanonisch ist. Das knallen wir dann jeder Studentengeneration auf einen eReader, wie Worldreader das auch tut, und haben noch eben schnell die Welt gerettet.

Mai 5 2012

Lies mit mir

Das menschliche Gewissen ist ein Organ, das sich erst herausbildet, wenn der Mensch in Dilemmasituationen geführt wird. Keine Dilemmata, kein Gewissen.

Was hat das mit Literatur zu tun? Stell Dir folgende Versuchsanordnung vor: Du liest ein eBook und weisst, dass Dein Lesen vom eBook registriert wird. Es reagiert auf Dich. Es reagiert auf alle Leser. Je mehr Leser, desto schneller stirbt die Hauptfigur. Das Buch ist so programmiert, dass es die kürzestmögliche der Varianten anzeigt, wenn viele Leser 'on' sind. Mehr Leser, mehr Gift. Je mehr Leser, desto schneller wuchert der Krebs. Je mehr Leser, desto schneller steigt das Wasser in dem Raum, in dem der Held sich befindet. Lesen tötet, lire tue, reading kills.

Warum das? Um die Leser stark zu machen. Wir sind nämlich alle neugierig und wollen wissen wie es weitergeht, und ob die Hauptfigur stirbt oder nicht, ist uns im Grunde egal. Nicht egal ist es uns aber, ob das Buch gleich vorbei ist oder nicht. Wir wollen alle nämlich gerne lesen, nur: Um lange zu lesen, müssten wir hier aufs Lesen verzichten oder es immer wieder unterbrechen...

Wie gemein ist das denn?

Eine Zwickmühle eben, die uns Leser darauf bringt, über unsere Lust am Sterben anderer zu reflektieren. Und unser Gewissen ausbildet.

Das Internet kennt das schon. Da dürfen die Nutzer im Rahmen eines Kunstprojekts über Leben und Tod eines Schafes abstimmen, oder ein Film führt vor, wie die Nutzer bei Morden mitmischen. Warum das ganze nicht mal als eBook ausprobieren?

Apr 21 2012

Mek'elle, im April 2012. – Sensationeller Fund im Norden Äthiopiens

Eigentlich hatte es nur ein Sonntagsausflug werden sollen, aber der Trip endete mit einer faustdicken Überraschung: Deutsche Forscher entdeckten in der nordäthiopischen Provinz Tigray Zeugnisse einer untergegangenen Kultur. "Unser guide hat uns hinter zwei kerzenähnliche Felsen geführt, und dann sahen wir die Buchkirchen", berichtet der Forscher Wilhelm Heinse.

Die Gruppe von Wissenschaftlern gehört zum weiteren Umfeld des Projekts "Cultural Heritage of Christian Ethiopia“. Hier geht es um die Di­gi­ta­li­sie­rung, Er­for­schung und Ka­ta­lo­gi­sie­rung christ­li­cher Hand­schrif­ten in Äthio­pi­en – ein Buchprojekt. "Eigentlich hatten wir uns den Sonntag freigenommen und wollten eine der berühmten Felsenkirchen in der Gheralta besuchen“, erzählt Heinse. Beim Abstieg von der Felsenkirche Abuna Yemata Guh seien sie dann von ihrem Führer India Nardschones auf einen anderen Weg geleitet worden. "Nachdem wir um zwei Felsnadeln herumgeklettert waren, dachten wir, wir sind im falschen Film. Es war, als hätten uns die Bücher, die wir doch hinter uns lassen wollten, wieder eingeholt."
Denn nun erblickten die Forscher mehrere Kirchen, die den Anschein erwecken, als seien sie in Bücher gemeisselt worden.

Foto © Guy Laramée
Foto © by Guy Laramée; Credits: www.guylaramee.com

Die Entstehungsgeschichte der über 800 Jahre alten Kirchen liegt derzeit noch völlig im dunklen. Bislang konnten die deutschen Wissenschaftler lediglich feststellen, dass es sich um eine alte Schriftkultur handelt, denn die Inschriften der Buchkirchen sind in Ge'ez verfasst, der äthiopischen Kirchenschrift. "Offensichtlich legten die Priester und die Baumeister dieser Buchkirchen ihr gesamtes Wissen in Büchern nieder, und sie betrachteten diese als Heiligtum. Was lag näher, als ihre Kultstätten als Skulpturen zu gestalten, die in Bücher gehauen wurden?“ mutmaßt Heinse.

Foto © Guy Laramée
Foto © by Guy Laramée

Die Entstehungszeit der Kirchen kann grob auf das elfte bis zwölfte Jahrhundert nach Christus datiert werden, etwa in dieselbe Zeit, in der auch die berühmten Felsenkirchen von Lalibela entstanden sind. Weitere Forschungen, die das Geheimnis der Buchkirchen lüften sollen, werden nun unternommen. Selbstverständlich werden unsere Leser darüber auf dem Laufenden gehalten.

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Apr 14 2012

Une monde ici-bas

Wenn es stabile Referenzen in Büchern gibt, dann zählen Orte bestimmt dazu. Orte kommen oft vor, es gibt sie lange, sie verändern sich nicht schnell. In Ernst Jüngers "Stahlgewittern" kommen über 150 Orte vor, die ganze Westfront immer rauf und runter. Die Stahlgewitter gibt es jetzt auf Project Gutenberg als eBook – Copyright sei dank – und man könnte eine kleine Software schreiben, um auf einer Karte alle diese Orte anzuzeigen.

Man könnte sich auch einen Sprachraum nehmen, alle Bücher auswerten, die dort erschienen sind und kartieren, welche Orte in diesen Büchern genannt werden. Ein wahnsinniger Programmierer von Google konnte so die Westbewegung in Nordamerika sichtbar machen: Die USA von Büchern aus gesehen !

Wenn man reale Orte, die in Büchern genannt werden, darstellen kann, dann kann man soziale Welten kartieren. Im Paris des ausgehenden 19. Jahrhundert gab es einen fleißigen Chronisten seiner Zeit, Auguste Lepage, der aufgeschrieben hat, welcher Politiker und welcher Literat in welchem Café verkehrte. Würde man das auswerten, könnte man den gesamten soziopolitischen Kosmos der Zeit auf einer Karte von Paris abbilden, rive gauche, rive droite und Schnittmengen inklusive.

Les cafés politiques et littéraires de Paris : le Procope, la Renaissance, Madrid, Suède, le Rat-Mort, Buci, Frontin, brasserie Saint-Séverin, Foy, le Coup du Milieu, etc. / Auguste Lepage
Les cafés politiques et littéraires de Paris, écrit par Auguste Lepage
Merci à la Bibliothèque nationale de France

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Apr 7 2012

Das Ende von etwas

Manche Autoren lieben es kurz, sehr kurz. "An einem heißen Abend in Padua trug man ihn auf das Dach und er konnte weit über die Stadt hinwegblicken. Am Himmel waren Turmschwalben. Nach einer Weile wurde es dunkel, und die Scheinwerfer begannen zu spielen. Die anderen gingen hinunter und nahmen die Flaschen mit. Er und Luz konnnten sie unten auf dem Balkon hören. Luz saß auf seinem Bett. Sie war kühl und frisch in der heißen Nacht."

Andere Autoren dagegen benötigen ein paar Adjektive mehr. "Mr. und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie könnten sich in eine merkwürdige und geheimnisvolle Geschichte verstricken, denn mit solchem Unsinn wollten sie nichts zu tun haben. / Mr. Dursley war Direktor einer Firma namens Grunnings, die Bohrmaschinen herstellte. Er war groß und bullig und hatte fast keinen Hals, dafür aber einen sehr großen Schnurrbart. Mrs. Dursley war dünn und blond und besaß doppelt so viel Hals, wie notwendig gewesen wäre, was allerdings sehr nützlich war, denn so konnte sie den Hals über den Gartenzaun recken und zu den Nachbarn hinüberspahen. Die Dursleys hatten einen kleinen Sohn namens Dudley und in ihren Augen gab es nirgendwo einen prächtigeren Jungen."

Ernest Hemingway 1923Man kann sich ja leicht vorstellen, eBooks zu erstellen, in denen der Text bearbeitet werden kann. Es liegt ein Text vor, die/der LeserIn/NutzerIn wird in die Rolle eines Editors versetzt und kann beispielsweise Adjektive hinzufügen oder streichen. Ähnlich wie bei "Malen nach Zahlen" kann man sich so die Arbeitsweise eines Autors aneignen. Das hilft dabei, einen Begriff von "Poesie", vom "Machen" eines Textes zu bekommen. Ganz am Anfang seiner Karriere wurde beispielsweise dem jungen Hemingway geraten, alle Adjektive zu streichen. Bei Joanne Rowling wird es wohl der gegenteilige Rat gewesen sein. Nur: Von einem typischen Rohtext zu einem charakteristischen Hemingway- oder Rowling-Stil zu gelangen, das scheint, nun ja, eben doch nicht so simpel zu sein. Zeugnis davon legt die Webseite "SixWordStories" ab, deren Nutzer der berühmtesten Kurzgeschichte Hemingways nacheifern: "For sale: baby shoes, never used."

Ein solches editierbares eBook hätte zumindest zwei Effekte: Zum einen wird es dem Ruf des Digitalen gerecht, das von einer Aura des Optionalen umgeben ist und das Texte hervorbringt, die als provisorisch, revidierbar wahrgenommen werden, die dem nicht-autorisierten Zugriff offen gegenüberstehen. Und zum anderen müsste die/der LeserIn/NutzerIn den Stier bei den Hörnern packen und sich den Aufgaben stellen, mit der AutorInnen konfrontiert sind. So hat Hemingway beispielsweise das Ende von "A Farewell to Arms" 39 mal geschrieben, bis er zufrieden war. Die Einsicht in die Tatsache, dass so viel Kürze, so viel Präzision das Ergebnis von sehr viel Arbeit ist, würde mit Sicherheit einige Differenzen zwischen Autoren und Lesern klären.

Apr 1 2012

Im 11. Kapitel des sechsten Buches vom "Simplicius Simplicissimus" des Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen erzählt ein Blatt Papier seine Lebensgeschichte. Da damals das Papier noch aus Stoff hergestellt wurde, berichtet das Oktavpapier von seinem Beginn als Hanfsamen, seinen Stationen als Garn, Leinwand, Hemd einer Kammermagd, Windel eines unehelichen Kindes bis hin zu jener Papiermühle, in der der Bogen Schreibpapier hergestellt wird, als der das Blatt erzählt. Der Bericht des Blattes endet mit der Klage, dass es nun dem eigentlichen Helden – einem simplen Landfahrer – als Scheißhauspapier dienen muss, anstatt dem König von Frankreich den Hintern wischen zu dürfen. Simplicius aber bringt den Lebensweg seines Dialogpartners an ein Ende, indem er das Papier in die irdische Hölle einfahren lässt und es sachkundig auf dem Abort verwendet. 

Während der "Simplicius" bereits im 17. Jahrhundert erschien, war es bis in das ausgehende 19. Jahrhundert hinein ein beliebter Scherz, der Tageszeitung von Morgen zu prophezeien, dass sie schon am Abend auf dem Abort lande.

Ach, wie haben sich seither bloß die Zeiten geändert. Wenn ich Dir, lieber Leser, mitteile, dass ich den vorliegenden Blogeintrag – Pendant zu Glosse, niederer Reflexion und skatologischem Exkurs – auf der Toilette verfasse, muss ich schon tiefer in die Metaphernkiste greifen, um die Analogien von Internet und Kanalisation zu verdeutlichen: Beide verweisen auf Vernetzung und Zirkulationsprozesse, beide dienen der Sedimentation und stellen sich als ein Epiphänomen von Klärungsvorgängen dar. Um so leichter lässt sich die Analogie imaginieren, wenn auch der Rezipient dieser Zeilen mit seinem tablet auf der Schüssel hockt.

Und doch – ach herrjeh – zeigt sich sofort der größte Nachteil elektronischer Literatur: So schlecht der Text auch ist – man kann sich damit den Arsch nicht wischen.

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Mär 24 2012
Bücherberg Foto (c) Markus HanzerFoto © Markus Hanzer @ www.stadtgespraeche.at

Taxöldern, im März 2012.

– Die Idee, sagt Augustin Weiherwein, sei ihm bei einem Spaziergang durch das örtliche Industrieviertel gekommen. Als er an einer Halde mit Kulturschutt der Recyclingfirma Vebag vorbeikam, habe es bei ihm „geschnackelt“. Seither beschäftigt sich der weit über die Grenzen der Oberpfalz hinaus bekannte Künstler mit dem Verlust der historischen materiellen Kultur als einem Effekt der rasch fortschreitenden Modernisierung, und den Wirkungen der globalen Ökonomie auf lokale und traditionelle Produktionsweisen. Schon zuvor umfasste sein Werk auch breitere Themen wie die Wahrnehmung von Wert, Massenproduktion, Globalisierung und Auffassungen von „realem“ und „fake“.

Coca-Cola-Isierung Foto (c) Frnz Xvr In seiner aktuellen Ausstellung mit dem Titel "Die Zukunft der Vergangenheit" im Oberpfälzer Künstlerhaus verwandelt Weiherwein antike Kulturgüter – meist Bücher – in Artefakte zeitgenössischer Popkultur, indem er sie mit den Logos transnationaler Konzerne versieht, in Industriefarbe taucht oder in kleine Fetzen zerreisst. „Gerade der Manichäismus der Coca-Cola-Isierung unserer Kultur“ sei es gewesen, so Weiherwein, der ihn dazu geführt habe, die Auswirkungen des Kapitalismus auf das Kulturerbe und traditionelle künstlerische Praktiken zu thematisieren.

Zu den eindrucksvollsten Werken der Ausstellung zählen jene Bücher, die Weiherwein wie readymades behandelt und in Pop-Art verwandelt, die in der Warholschen Tradition steht. Weiherwein gelingt es, die Aufmerksamkeit des Betrachters vom Inhalt der Werke auf ihre Materialität zu verschieben, indem er ihre Oberflächenstrukturen thematisiert. Auf diese Weise wird der Wert des Buches historisiert und seine Aura in den Kontext zeitgenössischer Kunst eingebettet.

Die Texte des Kunsthysterikers Bison Bock, verwandelt von Weiherwein, Foto (c) WrdlbrmpfdWie der Ästhetik-Professor Bison Bock in seinem ungemein scharfsinnigen Eröffnungsvortrag zur Ausstellung bemerkte, gelingt es Weiherwein dadurch, „die zunächst nur wie eine Sublimierung eines finanziellen Werts und des kulturellen Kapitals eines Objekts erscheinende Transformation, die in eine differente, jedoch parallele Karriere von upgedatetem Wert und Kapital übergeleitet wird“ nun zugleich als „entlarvende Satire der Formationsmacht transnationaler Konzerne zu gestalten“, die sich zum einen vorgeblich „der Erhaltung und dem Schutz des kulturellen Erbes durch seine Digitalisierung verschrieben“ habe, andererseits „einer Annihilation der historischen Artefakte Vorschub leisten, die sich als alltägliche ménagère Säuberungsaktion getarnt“ ereigne.

Der Schwandorfer Literaturkreis um Frau Dr. Hildegard Stangl hingegen unterstrich, dass die Ausstellung des Künstlers Augustin Weiherwein wieder "den Fokus auf die Bedeutung des Buches" gelegt und dieses "in die Perspektive des künstlerischen Blickes unserer Zeit" gerückt habe. – Einem jeden Ausstellungsbesucher wird der Rundgang durch die Ausstellung und anschließend durch den frühlingshaft erblühenden Irrgarten des Künstlerhauses sicherlich ein unvergeßliches und eindrucksvolles Erlebnis bleiben, das durch einen Frühschoppen im Gasthaus Johann Dirmeier einen würdigen Abschluß findet..

Warhols Bücher

 

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Mär 17 2012

Zwischen Zeiten

Da haben also Jason Shiga und Andrew Plotkin den nächsten Versuch in interactive storytelling gestartet. Die iPhone- und iPad-App „Meanwhile verspricht dem Leser, dass er das Erlebnis eines selbstgestalteten Abenteuers haben könne – als Comic. Das ist clever, weil man schnell begreift, worum es geht, schnell Entscheidungen trifft und sich weiterklickt. Und cool – obwohl es wirklich sehr viele Entscheidungsmöglichkeiten und daher Verzweigungen in der story gibt – alles funktioniert echt fix, und da das ganze als riesige Karte angelegt ist, meint man immer, eine Art Überblick zu haben. Darüber hinaus ist die ganze App barrierefrei gestaltet; auch Menschen, die schlecht sehen, können sich mit VoiceOver orientieren. Gratulation!

Screenshot of "Meanwhile"

Wenn wie hier die Erzählung, die große Narration, im Vordergrund steht, wird der Unterschied zwischen Mitspielen und Zuhören nur allzu deutlich. Die großen Erzählungen der Weltliteratur teilen etwas mit, was nicht in Worten ausgedrückt wird; sie inszenieren etwas, und das ist ein Mehr, das man eigentlich so recht erst aus dem Augenwinkel wahrnimmt. Das ruhelose Umherirren des Abenteurers, in dem eine große Verzweiflung über die eigene Heimatlosigkeit enthalten ist; das „Wie ich wurde, was ich bin“ des Bildungsromans, das von dem Erfolg des Aufsteigers erzählt; die Weltklugheit des Briefromans, in dem sich gelingendes Leben als Adaptationsfähigkeit zweier Gesprächspartner zeigt. Das sind drei typische Beispiele für klassische Erzählungen, in denen der Leser nur Beobachter ist. Und es sind auch drei gute Gründe, warum interactive storytelling auf dem Niveau eines unterhaltsamen Würfelspiels verbleiben wird.

Vielleicht befinden wir uns ja auch nur zwischen zwei Zeiten. Die große Erzählung verweilt auf dem Papier, weil sie einen elektronischen Mehrwert nicht nötig hat. Und die gaming fiction muss sich noch stark weiterentwickeln, damit sie in derselben Liga spielen darf wie die gute alte Narration.

Meanwhile we'll play that games, and we'll wait for others.

Oder gibt es schon den einen Weg durch die vielen Verzweigungen, der uns glücklich macht und uns die ganze Weisheit der Erzählung zuteil werden lässt?

Mär 10 2012

In Ron Leshem's Roman "Der  geheime Basar" ermöglicht das Internet die konspirativen Verbindungen zwischen der iranischen Jugend und der Welt, zwischen der Vergangenheit von Schah Reza Pahlevis Jet-Set und der Gegenwart der Mullahs, zwischen Teheran, dem Zentrum, und den vielen Peripherien am Kaspischen Meer oder anderswo. Das Internet ist das subversive Medium, die geheime connection  zwischen allem, was sich gegen die islamische Republik auflehnt.

Oft sind diese unsichtbaren Netzwerke das Schreckbild, der paranoide Untergrund der Literatur gewesen: "1984" von Orwell, "Das Leben der Anderen" von Henkel von Donnersmark, oder die ganzen Spionenromane des kalten Krieges. Hier, im "geheimen Basar" ist es andersherum  – die schweigend-verschwörerische Jugend, die Zukunft des Landes ist vernetzt und scheint die bestehende Ordnung über den Haufen werfen zu wollen. Als Roman funktioniert das Buch nicht deshalb, weil es das Internet thematisiert, sondern weil es die herausfordernde Ablehnung einer kleinen Minderheit mit der mächtigsten Technologie unserer Zeit zusammenbringt. Und dabei noch eine mitreißende Geschichte erzählt.

Das Internet nimmt dabei einen Platz ein, den früher oft der Literatur zugeschlagen wurde: Eine Literatur, die Einspruch erhob gegen die herrschenden Verhältnisse, die das Leben ausspielte gegen die menschenverachtenden Diktaturen, Überwachungsstaaten oder Religionswächter. So konnten sich die Schriftsteller als moralische Instanzen, vielstimmige und listige Orakel oder straighte Intellektuelle positionieren. Der Autor als Herausforderer, Literatur als Subversion.

Diese Art von Literatur funktioniert als eine Art Erkennungszeichen einer sublimen Verschwörung. "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" von Milan Kundera oder Christa Wolfs "Kassandra" verknüpften Leser mit Lesern und bildeten so eine schweigend-lesende Gemeinschaft derjenigen, die gegen das herrschenden System verschworen waren.

Heutzutage wäre es natürlich noch ganz anders möglich, eine solche unsichtbare Gemeinschaft erfahrbar zu machen. Wer wann welches eBook liest – das ließe sich schnell mit einer Software sichtbar machen. Aber sofort hätte man wieder die Schreckbilder paranoider Überwachungsstaaten auf dem Tableau – wer möchte denn schon wirklich preisgeben, welches Buch er gerade liest?

Ein möglicher Ausweg aus diesem Dilemma könnte sein, eine Art Code auszumachen. Nur derjenige, der es wirklich möchte, gibt preis, was er gerade liest. Im Falle des "geheimen Basars" könnte man sein Smartphone oder sein Tablet nehmen, das Buch in seinem eReader aufschlagen, sich nach Mekka ausrichten und ein paar Verneigungen und Kniefälle ausführen. Kompass und Gyroskop und all die anderen Sensoren würden die Daten einlesen ... und schon werden auf einer Weltkarte alle Leser des "geheimen Basars" angezeigt, die gerade "on" sind ....

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